| Ein Jahr in den USA Meine Erfahrungen als Au-pair |
Endlich war es soweit - Tag 1 meines ersten großen Abenteuers war gekommen. Nach wochenlangen Vorbereitungen - dem Ausfüllen zahlreicher Fragebögen, Bewerbungsunterlagen und Formulare, der Suche nach einer passenden Gastfamilie, den Besuchen bei Behörden und der amerikanischen Botschaft sowie dem logistisch eigentlich unmöglichen Kofferpacken für ein Jahr (der einzige Schritt, den man leider ohne die Hilfe der Agentur bewältigen muss) - war ich nun bereit für die bisher größte und längste Reise meines Lebens. Während der Zeitpunkt des Abflugs immer näher rückte, stieg auch meine Nervosität kontinuierlich an und langsam regten sich erste Zweifel in mir: Mache ich hier gerade das Richtige? Bin ich wirklich stark genug, um für ein Jahr Abschied von Familie und Freunden zu nehmen und mich auf eine völlig neue Situation in einer völlig fremden Umgebung einzulassen? Doch eigentlich wusste ich, dass dieses Auslandsjahr schon immer auf meinem Plan für die Zeit nach dem Abitur stand und deshalb ein unüberlegter Rückzieher in letzter Minute einfach nicht in Frage kam.
Trotzdem kostete die Trennung von den Lieben einiges an Überwindung und nach vielen Umarmungen und Tränen reihte ich mich schließlich ein zur Passkontrolle. Zum Glück war ich in dieser Situation nicht ganz alleine zusammen mit einem anderen zukünftigen Au-pair-Mädchen, mit der ich zuvor über die Agentur in Kontakt getreten war, flog ich von München nach Portland. Ich denke, es half uns beiden sehr, sich auszutauschen und gegenseitig von Emotionen und Sorgen abzulenken. Nach einem problemlosen Flug wurden wir in Portland von einer Mitarbeiterin von USAupair, in Empfang genommen und zusammen mit zwei weiteren Au-pair-Kolleginnen zu unserem Hotel nach Lake Oswego gefahren, wo unsere viertägige „Orientation“ stattfinden sollte. Neben einer täglichen Schulung über verschiedene Aspekte der Kindererziehung, Kindesentwicklung und Erste Hilfe, unternahmen wir gemeinsame Ausflüge nach Portland, gingen Pizza essen oder verbrachten unsere Freizeit am Pool des schönen Inns, das direkt am Lake Oswego lag. Highlight der Vorbereitungswoche war sicherlich die Limousinen-Tour am letzten Abend, die wir zusammen mit einigen in Portland lebenden Au-pair-Mädchen machten. Somit konnten wir erste Erfahrungsberichte und wichtige Tipps für das Au-pair-Leben sammeln und brennende Fragen klären. Nach einem gemütlichen Abendessen in einem japanischen Restaurant und dem Besuch bei einem sehr ausgefallenen Donut-Shop, kam es beim ausgelassenen Karaoke-Singen mit der Limo-internen Anlage zum Höhepunkt dieses unvergesslichen Abends. Am nächsten Tag hieß es wieder Abschied nehmen; an dieser Stelle trennten sich nun die Wege.
Es ging weiter zur zweiten und größten Etappe des Abenteuers: das Treffen mit unseren Gastfamilien. Vor diesem Flug war ich beinahe noch aufgeregter, als vor dem ersten. Nach nur zwei Stunden erreichte ich Oakland, California, wenige Meilen von San Francisco entfernt. Als ich auf der langen Rolltreppe in die große Halle hinunterfuhr, erkannte ich Tracy, meine zukünftige Gastmutter, sofort, obwohl ich sie davor nur auf Fotos gesehen hatte. Strahlend und winkend nahm sie mich in Empfang - alle Anspannung war vergessen, sie war mir auf den ersten Blick sympathisch. Später gestand sie mir, dass es ihr genauso ging und dass sie zuvor auch sehr nervös gewesen war. Auf der Autofahrt nach Pleasant Hill, einer Kleinstadt vor San Francsico, erzählte sie mir alles über meinen zukünftigen Schützling, die 5 Monate alte Grace, meinen Gastvater Paul und die Unternehmungen, die die Familie mit mir geplant hatte. Spätestens, als ich am Ziel angekommen, den Rest der Familie traf und das untere Stockwerk des Hauses sah, das für die nächsten 12 Monate mein Reich sein sollte, bereute ich keine meiner Entscheidungen mehr und war voller Vorfreude auf die kommende Zeit. Ich hatte ein gutes Gefühl. Dieses wurde im Verlauf des Jahres mehr als bestätigt. Nach wenigen Tagen hatte ich die kleine Grace in mein Herz geschlossen und mich an meinen neuen Tagesablauf gewöhnt. Ich lernte viele andere Au-pairs aus der Gegend kennen und gemeinsam nutzten wir unsere freien Tage um San Francisco und Umgebung zu erkunden.
Es war unglaublich aufregend, das „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ kennenzulernen die riesigen Supermärkte, das Essen, die Malls, San Francisco, die Menschen etc. Besonders interessant waren für mich vor allem Feiertage wie Halloween, Thanksgiving und Independence Day, welche ich zuvor noch nie miterleben konnte. Aber auch das Weihnachtsfest war in den USA eine ganz neue Erfahrung. Ich machte meinen amerikanischen Führerschein, besuchte Sprachkurse am College und unternahm kleinere und größere Reisen (z.B. Los Angeles, San Diego, New York, Washington, D.C., Roadtrip nach Las Vegas,…). Die Ereignisse eines ganzen Jahres lassen sich jedoch schlecht in wenigen Worten festhalten. Zusammenfassend kann ich sagen, dass es für mich eine unvergessliche Zeit war, auf die ich mein Leben lang zurückblicken werde. Natürlich treten über kurz oder lang auch unangenehme Situationen wie Heimweh, Unstimmigkeiten mit der Gastfamilie oder andere Probleme auf, die es zu bewältigen gilt. Gerade der Abschied von der Gastfamilie, insbesondere von Grace, war für mich sehr schwer. Aber gerade an diesen Dingen wächst man, erlangt Selbständigkeit und Reife. Im Nachhinein überwiegen, so ist es zumindest bei mir, die positiven Eindrücke, die Erinnerungen an schöne Erlebnisse, die Zeit mit Kindern, Gastfamilie und neuen Freunden, Ausflüge und Reisen. Außerdem merkt man, wie schnell ein Jahr vergeht und wie viel man gleichzeitig dabei erleben und kennenlernen kann. Ich möchte jedem, der etwas von der Welt sehen und seinen Horizont erweitern will, neue Menschen und Kulturen kennenlernen, nebenbei Sprachkenntnisse verbessern und ein gutes Stück persönlicher Lebenserfahrung dazugewinnen will, einen Auslandsaufenthalt dieser Art nur empfehlen eine Erfahrung, von der man gewiss ein Leben lang profitiert.
Isabel aus München war von September 2008 bis September 2009 als Au-Pair bei einer Familie nahe San Francisco. Vermittelnde Agentur war munichaupair, betreuende Agentur in den USA war USAuPair.

